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Eunuch

EUNUCH (28), halb Mann/halb Frau, lebt am Rande eines kleinen Küstendorfs in Indien. Ihr Liebhaber ist Mrinal (30), der Sohn eines reichen Politikers. Wegen seiner gesellschaftlichen Stellung darf ihre Beziehung nur im Verborgenen existieren. Doch als Mrinal ein junges Mädchen (17) heiratet – wohlhabend, hochgeboren, eine ‚echte‘ Frau, die seinen Stammbaum weiterführen wird – wird Eunuch bewusst, dass Mrinal ihre Liebe weniger bedeutet als sein Status. In der Nacht, in der Mrinal Eunuch zum letzten Mal besucht, tötet sie ihn, völlig überwältigt von der Wut über die Zurückweisung.

Eunuch flieht nach Mumbai. SANDEEP (21), ein Freund aus dem Dorf, hilft ihr dort Fuß zu fassen. Wie die meisten Intersexuellen beginnt sie als Prostituierte zu arbeiten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Doch hier ist alles anders – hier begehren die Männer sie und zeigen ihr Begehren offen. AAKASH (19), ein junger Mann, erklärt ihr ohne Scham seine Liebe, vor der ganzen Welt. Diese neu gefundene Akzeptanz gibt Eunuch Hoffnung und sie stürzt sich in die Suche nach ihrer seit langem vermissten Schwester MALTI DIDI (11), die aus dem Dorf verschwand, als Eunuch noch ein kleiner Junge war.

Und genau da kommt er zurück. Mrinal. Als Geist erscheint er ihr wieder. Zuerst glaubt sie, dass er ein Geschenk sei, heraufbeschworen von ihrem Gesang. Doch bald schon fürchtet sie sich vor dem grausamen und rachsüchtigen Geist. Unfähig, seine Anwesenheit zu ertragen und nicht gewillt, ihn noch einmal zu verletzen, bricht sie zusammen. Sandeep und Aakash können ihr nicht helfen.

Sie selbst muss Mrinal‘s Geist vertreiben, um zu leben. Sie muss zu dieser schrecklichen Tat zurückkehren, die sie so sehr verdrängt hat, dass der Weg dorthin zum Kampf wird. Es ist ein KRÜPPEL (40), der ihr dabei hilft. Auch er hat eine dunkle Vergangenheit, die ihn zynisch gemacht hat. Doch er besitzt diesen blinden Überlebenswillen. Er hält Eunuch einen Spiegel vor, und sie erkennt mit Schrecken genau diesen Willen bei sich selbst, der sie zum schlimmsten aller Verbrechen befähigte.

Mit der Akzeptanz kommt die Buße. Und wieder ist es ihr Lied, das zum Medium wird. Ein Medium, durch das sie zu ihrer Vergangenheit sprechen, sich selbst ertragen und auf so etwas wie Vergebung hoffen kann. Zuerst singt sie vor ihrer (Transgender-)Community, für die ihre Lieder von großer Bedeutung sind, und später vor einem immer größer werdenden Publikum. Die Menschen kommen, um sie zu hören, denn ihre Erfahrungen sind auch deren Erfahrungen – sie gibt den Unsichtbaren, den Verdammten und Enteigneten, die jeden Tag durch Indiens Städte ziehen, eine Stimme.

Credits

Regie und Drehbuch: Udita Bhargava
Producer: Mirjam Erdem
Produzent: Martin Lehwald
Produktionsjahr: 2020